Im Sommer an den Winter denken

Katzen_Dorf

Faul den Sommer verschlafen können in Kasachstan nur die Katzen. Alle anderen müssen rechtzeitig an den Winter denken. Zum Beispiel Kräuter trocknen, Obst und Gemüse einwecken, Fleisch konservieren.

Kräuter_KasachstanPilze_eingeweicht_Kasachstan

Heute ging es ans Pilze einwecken. Die braucht man für viele Gerichte der russischen Küche. Da im Winter der Schnee meterhoch liegt, kann man nicht einfach in die Stadt fahren. Die Preise in den Läden im Dorf sind sehr hoch, denn auch sie müssen weit fahren. Natalia Iwanowna kauft dort nur wenige Sachen.

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Um die Gläser und Deckel zu sterilisieren, werden sie vorher gewaschen und gekocht.

Gläser_Einwecken_Kasachstan

Die Pilze werden gekocht und danach in Gläser gefüllt und mit einem Sud begossen.

Sud_PilzeSommerküche_Kasachstan

Anschließend stellt man die Gläser auf den Kopf. Das tötet die Bakterien im Deckel. Es entsteht ein Vakuum. So halten die Pilze mehrere Jahre.

Pilze_Sommerküche_Kasachstan

Zu den Fischen durch die Geisterstadt

Steppe

Am späten Mittag wurde mir verkündet, dass es heute nach langem Versprechen endlich zum Angeln geht. Wir fahren um 17 Uhr los und verlassen unser Dorf mit dem Auto.

Kühe_Steppe_KasachstanSteppe_Kasachstan

Es gibt viel zu sehen: Die schöne Natur zwischen Strommasten und Mülldeponien der einzelnen Dörfer. Ich sehe nur wenige Hügel, sonst ist die Steppe hier ganz flach. Man sieht die Hügel in der Ferne, keine Hindernisse verstellen unseren Weg. Nur primitive Strommasten und hier und da eine industrielle Eisenbahnstrecke, viele leerstehende Ställe am Straßenrand.

Ställe_Landschaft_Kostanai

Dieser Landstrich ist abgewirtschaftet. Es gibt nur noch wenige Ressourcen so scheint es. Ab und zu sehe ich schwere Maschinen, wie die in Brandenburg zur Zeiten der Braunkohleförderung. Die machen Eindruck, zugleich sehe ich sie stillstehen. Ich entdecke nur noch wenige. Man kann sich sicher sein, dass bald alle verschwunden sein werden.

Landschaft_Kasachstan_KostanaiLandschaft_Kasachstan_Strommasten

Die ersten Häuser sind verlassen, die ersten Siedlungen aufgegeben. Wir kommen an Dutzenden Ruinen vorbei, die vom Aufschwung und Abtrieb dieser Region zeugen. Es ist, als würde man durch eine endlose Geisterstadt fahren. Dazu kommt, dass die Straßen staubig sind, so dass es immer trostloser wirkt.

Ruinenstadt_KasachstanStraße_Kostanai

Nach einer Weile kommen wir an einem See mit schönem blauen kristallklarem Wasser vorbei. Wir fahren vorbei und ich frage mich, wohin wir denn wollen, wenn wir an dem See vorbei fahren. Nach weiteren Minuten Fahrt sind wir da. Es ist ein schöner See mit ein paar Bäumen an seinem Ufer. Er ist sehr eingesenkt an unsere Stelle, wo wir geparkt haben. Wir steigen aus.

Panorama_Angeln_Kasachstan

Die Männer meiner Gastfamilie gehen sehr gern angeln. Nicht nur, um den Fisch zu essen, sondern vor allem als Hobby. Sie zeigen mir, wie es geht. Denn ich habe überhaupt keine Ahnung, was ich machen muss.

Angelausflug_Kasachstan

Am Ende war mir das Anglerglück hold: Vier Fische zog ich an Land. Nicht schlecht für mein erstes Angelabenteuer.

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Waschtag auf dem Dorf

Vor meiner Abreise habe ich mir einige Sorgen gemacht, wie das mit dem Wäschewaschen wird in Kasachstan. Deshalb habe ich am Anfang meine Sachen nur selten gewechselt. Dann hat mich meine Gastmutter aber geschimpft. Sie ist wie alle hier sehr auf Ordnung bedacht. Es wird laufend geputzt und gewienert. Und Wäsche gewaschen.

Wäsche_Waschen_Kasachstan

Dafür wird die Waschmaschine mit heißem Wasser befüllt. Dann legt die Maschine los. Das dreckige Wasser kommt über einen Schlauch wieder raus, da muss man dann einen Eimer hinstellen.

Waschmaschine_Kasachstan

Die Wäsche wird im Hof auf die Leine gehangen. Bei der Hitze ist das auch in wenigen Stunden alles trocken. Wenn es regnet kann natürlich nicht gewaschen werden. (Es hat hier schon einige Male den ganzen Tag sehr stark geregnet.)

Waschtag_Kasachstan

Das Wasser in der Badewanne ist Regenwasser. Damit wird der Gemüsegarten gegossen.

Im Schlaraffenland

Kompott_Kasachstan

Bei meinen Gasteltern wird den ganzen Tag gekocht. Dann essen immer alle gemeinsam. Es ist wie beim Tischlein-deck-dich. Wenn ein Verwandter oder Bekannter hereinschneit, wird schnell noch ein Teller aufgetan. Es ist immer reichlich da und alle rücken gern zusammen. Heute gab es Plov (ein usbekisches Reisgericht) und Nudelsuppe (die haben die Russland-Deutschen hier eingeführt).

Plov_Kasachstan

Weil in Kasachstan so viele Völker zusammenleben, kochen auch alle die Gerichte von ihren Nachbarn aus Zentralasien. So habe ich bei Natascha schon Manti probiert (ein Gericht der Kasachen), das sind gedämpfte Nudeltaschen mit Fleisch. Oder auch Piroschki, auf deutsch Piroggen (eine Leibspeise der Russen und bisher mein Lieblingsgericht), das sind Hefeteigbrötchen mit Füllung (Kartoffeln, Kraut, Fleisch). Sie werden in Fett ausgebacken.

Piroschki_Piroggen

Fettig liebt man es hier, das gilt besonders für Tschebureki. Das ist ein russisches Fast-Food-Essen, das von den Krimtataren abstammt. Fast-Food nicht bei Natascha: Sie macht alles selbst, Teig, sogar das Fleisch macht sie selbst zu Hackfleisch. Hier habe ich mal fotografiert, wie Tschebureki zubereitet werden.

Tschebureki (1)Tschebureki (4)Tschebureki (2)Tschebureki (3)

Ein Haus für den Sommer, eins für den Winter

Haus_Kasachstan

Auf dem Hof meiner Gasteltern gibt es zwei Häuser: ein Winterhaus und ein Sommerhaus. Im Sommerhaus gehen alle Verwandten ein und aus. Am Anfang hat mich das überrascht. Wenn man früh aufsteht, sitzen immer andere Menschen in der Küche. Jetzt habe ich mich daran gewöhnt. Ich kenne inzwischen ja auch fast alle. Auch die Enkelkinder von Natalia Iwanowna kennen mich jetzt schon besser und haben keine Angst mehr. Am Anfang haben sie sich gefürchtet, weil sie mich nicht verstehen, vor allem die Kleinen. Das ist jetzt besser.

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Im Winterhaus  wird eigentlich nur geschlafen und Fernsehen geguckt, wenn schlechtes Wetter ist. In den durchschnittlich -5°C bis -16°C kalten Wintermonaten kann es sogar  -40°C werden, in der Nacht noch mehr. Dann halten sich alle im Winterhaus auf und wärmen sich an den vielen Öfen.

Korridor_Winterhaus_Kasachstan

Wohnzimmer_Kasachstan

Es gibt zwei Zimmer (комната), dazu ein großes Wohnzimmer (гостиная) und ein kleines Badezimmer (ванная), was allerdings bloß aus einem Waschbecken besteht, in das man Wasser in ein Metallgefäß oberhalb des Waschbeckens hineinfüllt. Es gibt auch einen Nachttopf, der in der Nacht als Toilette fungiert da es nicht bequem ist über den halben Hof zu laufen anstatt einfach daheim zu gehen. Es gibt auch eine Küche (кухня), in der man aber nur Sachen auf den Herd stellen kann und kochen, wie zum Beispiel Tee. Es gibt auch in der Küche kein Wasser.

Sommerhaus_Kasachstan

Im Sommerhaus gibt es die Sommerküche. Hier hält man sich in den heißen Monaten auf (Juni, Juli, August, Temperaturen bis +50°C) und bereitet sich für den Winter vor. Man muss Obst und Gemüse einkochen und auch Fleisch. Im September schneit es manchmal schon wieder. In der Sommerküche gibt einen Herd, aber auch hier kein fließendes Wasser. Das muss im Brunnen geholt werden.

Brunnen_Dorf_Kasachstan

Ein seperates Haus, was an das Sommerhaus angrenzt ist die Banya (баня), das Badehaus. Dort wird sich gewaschen, Zähne geputzt und geschwitzt. Geschwitzt, weil die Banya wie eine Sauna funktioniert und nicht zu verwechseln ist mit einem Badezimmer (ванная). Sie wird fast jeden Tag angeheizt.

Banja_Kasachstan

Rechts gegenüber der Banya ist die Toilette (туалет), zu der ich lieber nichts schreibe, da sich die meisten sicherlich eine Toilette ohne Wasser gut vorstellen können.

Toilette_Hof_Kasachstan

Dort bei der Toilette beginnt auch die für mich geltene Zone des Todes. Es ist der Teil des Hofes, der mit Tieren besiedelt ist. Auf dem Hof wacht ein großer Hund mit  gefletschten Zähnen und einer nicht misszuverstehenden Bell-Artikulation seinerseits und versperrt mir somit die Möglichkeit, allein zu den Tieren zu kommen ohne zerfleischt zu werden. Ich war trotzdem schonmal da, weil sie die Hundehütte, an der er angekettet ist, mit einer Platte verdeckt hatten, auf die sie einen Baumstamm legten.

Stall_Kasachstan

Wie die Katzen hier klarkommen, weiß ich nicht. Vielleicht sind sie deshalb immer in der Sommerküche.

Katze_Kasachstan

Auf dem Hof gibt Hühner, Schweine (eine Mutter und zwei Ferkel), Enten und viele Küken. Alles zum Selbstessen. Kühe gibt es keine mehr, das lohnt sich nicht und macht zu viel Arbeit. Milch, Quark und Butter kauft Natalia Iwanowna bei einer Bäuerin in der Nachbarschaft.

Dorfstrasse_Kasachstan

Das Gemüse wird im Gemüsegarten (огород) angebaut, Obst und Blumen wachsen im Garten (сад). 

Gemüsegarten_Kasachstan

Garten_Dorf_Kasachstan

Mathe meine Freude

 

Matheunterricht_Kasachstan

Der Ernst des Lebens ist da – willkommen in der Schule am anderen Ende der Welt. Heute beginnt mein Matheunterricht. Praktischerweise bei Natalia Iwanowna. Sie ist nämlich nicht nur meine Gastmutter, sondern seit über 40 Jahren Mathelehrin. Fun fact: Auch ihre zwei Töchter sind Mathelehrerinnen. Eine echte Mathe Dynastie also.

Der Unterricht in Mathematik ist in Kasachstan sehr fortgeschritten. Im Dorf gibt es einen Jungen, der in Deutschland geboren wurde und dort zur Schule ging. Jetzt lebt er hier. Er musste erstmal in die fünfte Klasse in Mathe, obwohl er in NRW in der neunten Klasse war. Erst später konnte er in seine richtige Klasse.

Ungefähr so geht es mir jetzt auch. Ich wusste das zum Glück schon, weil ich bei meiner letzten Reise schon mal eine Schule besucht habe. (Kurz.)

Deshalb bekomme ich auch Einzelunterricht. Ich habe ein Buch dabei mit den Themen. Wir arbeiten es durch. Leider können wir nicht alles behandeln, zum Beispiel Geometrie nicht. Denn ich verstehe ja kein Russisch oder nur ein bisschen. Also bleiben wir bei Zahlen und Formeln. Das geht auch ohne Sprache.

  • Brüche
  • Potenzgesetze
  • Wurzeln
  • Ausklammern von Termen
  • Lineares Gleichungssystem

Ein paar Mathe Wörter habe ich schon aufgeschnappt. Jedenfalls kommen wir trotzdem gut voran.

 

Die „Shopping-Mall“

Laden_Kristall

Dieser Laden heißt „Kristall“. Wir wollen Brot kaufen und Eis. Viele Sachen macht Natalia Iwanowna selbst, sogar Teigwaren. Aber Brot kauft sie im Laden. Für größere Einkäufe fährt sie mit Verwandten in die nächste Stadt. Ohne Auto geht das nicht. Es gibt keinen Bus. Deshalb verkauft der Laden die wichtigsten Sachen: Wodka, Kochtöpfe, Seife, Tütensuppen, Eier.

Getränke_Laden_KasachstanP1030147

Es gibt eine eigene Vitrine für Kinderbedarf: Schulrucksäcke, Basecaps, Turnschuhe, Kuscheltiere.

Vitrine_Laden_Kasachstan

Sogar eine Gefriertruhe mit Fleisch und Pelmeni gibt es.

Gefriertruhe_Laden_Kasachstan

Die Schule

Schule_Nowo_Ilyinowka_Kasachstan

Mittelschule Nowo-Ilyinowka

Heute ist es soweit: Ich gehe zum ersten Mal in Kasachstan in die Schule. Von Nataschas Haus sind es 10 min Fußweg und man muss über einen Bach über eine Steinbrücke. Die Häuser, die wir auf unserem Weg sehen, ähneln Nataschas Haus sehr. Das liegt daran, dass diese Siedlung so wie die meisten Siedlungen in dieser Region zur gleichen Zeit gebaut wurde. Damals (in den 1950ern) sind aus der ganzen Sowjetunion Leute in den Norden von Kasachstan gekommen. Die Steppe sollte für die Landwirtschaft genutzt werden. Diese Epoche heißt „Neulanderschließung“. Deshalb wohnen im Norden von Kasachstan viele verschiedene Nationalitäten zusammen, nicht nur Kasachen.

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Schule_Kasachstan_Natalia

Natalia Iwanowna vor der Schule

Natalia Iwanowna war an der Schule lange stellvertretende Direktorin. Jetzt ist sie Rentnerin. Aber weil sie so wenig Rente bekommt arbeitet sie immer noch als Lehrerin. Für ein paar Stunden in der Woche. Außerdem gibt es genau wie in Deutschland auch in Kasachstan Lehrermangel. Deshalb überredet die Direktorin sie jedes Jahr, wieder Stunden anzunehmen. Da hat die Direktorin gute Karten. Denn sie ist die Tochter von Natalia Iwanowna.

Schule_Kasachstan_Schulflur

Die Schule wurde vor ein paar Jahren komplett renoviert. Alles ist sehr sauber und ordentlich, auch die Toiletten. (Da wird ein Berliner Schüler schon etwas neidisch.)

p1030129.jpgTreppenhaus_Schule_Kasachstan

Überall kann man in Kasachstan Hinweise auf die Expo in Astana finden. Natürlich auch in der Schule. Ich hoffe, dass ich mir das auch anschauen kann. Ansonsten ist das Treppenhaus mit Schülerarbeiten dekoriert. Das ist wohl überall auf der Welt gleich.

Wanddekoration_Schule_KasachstanIn der Schule findet heute ein Fest statt. Aber nicht um mich zu begrüßen. Gefeiert wird die neunte Klasse. Denn nach der 9. Klasse finden Prüfungen statt, die so ähnlich sind wie der MSA. Danach kann man die Schule verlassen und einen Beruf lernen. Ansonsten kann man auf der Schule bleiben und noch zwei Jahre weiterlernen. Darauf folgt dann eine Prüfung wie das Abitur. Dann kann man studieren. Weil es eine Vorschule gibt, sind alle ein Jahr älter als bei uns. Also in der 9. Klasse sind sie 16.

Schule_Kasachstan_Schulabschluss

Heute verabschiedet Anastasia Alexandrowna ihre 9. Klasse. Sie ist die Klassenlehrerin. Und außerdem ist sie die zweite Tochter von Natalia Iwanowna. Ihre Schüler sind alle sehr aufgebrezelt. Sie tragen alle eine Schärpe in den Nationalfarben (hellblau/gold). Es gibt ein Kulturprogramm. Auch die Abschlussklasse selbst trägt etwas vor. Die Mädchen sind sehr gerührt. Die Jungs scheinbar nicht so.

Schule_Kasachstan_AbschlussklasseSchule_Kasachstan_KulturprogrammSchule_Kasachstan_Abschlussklasse_Kulturprogramm

Auf jeden Fall ein besonderes Erlebnis!

 

Auf nach Novo-Ilyinovka (2): Mit dem Klapperross ins Feld

Sonnenaufgang_Kasachstan

Als der Flieger landet, bin ich verwirrt. Hatten wir eine Notlandung auf einem Feld? Wo ist der Flughafen, wo ist der Steg der sich immer ans Flugzeug andockt? Ich seh ein paar Lichter, dann ein paar Häuser. Häuser, aber keine Flugzeuggebäude. Dann seh ich eine Flugzeugtreppe. Sie fährt an das Flugzeug heran. Alle springen auf und warten ungeduldig, dass sie aussteigen können. Zuerst kommt eine Ansage auf Kasachisch, die erstmal mehrere Male wiederholt wird, bis sie weiter auf Russisch umspringt. Endlich gibt es die Infos auch für mich verständlich auf Englisch. Der Bus hatte Verspätung, deshalb sollten wir noch ein wenig Geduld haben. Im Nachhinein war das eine lustige Aussage, da das Gebäude, welches den Flugzeughafen darstellte, kaum weiter weg war als 50 Meter. Ohnehin war unser Flugzeug das einzige auf dem ganzen Flughafen.

Holzgebaeude_Kasachstan

Endlich kam der Bus und wir konnten alle aussteigen.  Er fuhr die schon erwähnten 50 Meter und alle stiegen aus, um sich in den winzigen Transitbereich zu quetschen. Jeder Einreisende muss einen Zettel ausfüllen,  auf dem er alles angibt was er von ausserhlb mitgebracht hat. Man muss auch Namen, Adresse, ob man eine Krankenkarte hat und vieles mehr angeben. Den ausgefüllten Zettel muss man mit seinem Pass an der Passkontrolle vorzeigen. Ich brauchte das nicht, da ich noch unter 16 Jahre alt bin.

Als ich dran war, dauerte es länger, da ich ja alleine in das Land einreiste. Ich gab dem Grenzpolizisten die Erlaubnis von meiner Mutter, dass ich alleine einreisen und mit Leuten, die mich von Ort zu Ort bringen, mitfahren darf. Es dauerte eine Viertelstunde,, bis ich durch die Kontrolle gelassen wurde. Ich schwitzte Blut und Wasser. Ich dachte schon die lassen mich wohl nie durch. Gottseidank konnte ich die Kontrolle passieren, nachdem sich fast alle Grenzpolizisten meiner angenommen hatten.

Auf der anderen Seite stand schon mein Koffer bereit. Ich war erstaunt, wie klein dieser Flughafen doch war. Als ich dem Ausgang entgegen kam, stand in der ersten Reihe Natalia Ivanovna. Sie ist eine kleine rundliche Frau, die sehr viel Herzlichkeit ausstrahlt. Neben ihr stand ein Mann um die 45, der, wie es sich herausstellte ihr Sohn war.  Er nahm mir meinen Koffer ab und wir gingen zum Auto des Sohnes. Natalia (genannt auch Natascha) und ich wechselten ein paar Worte, die ich allerdings nicht verstanden habe. Das machte aber nichts, ich war ohnehin zu müde.

Autofahrt_Kasachstan_2

Das Auto war schon sehr abgenutzt und  bestimmt war nichts an ihm mehr ein Original. Es hatte einen starken Tiefgang. Besonders jetzt, nachdem mein 25 Kilo Koffer mit meinem 15 Kilo Rucksack in ihm lagen. Wir fuhren los und sie fragten mich einige Sachen, die ich nicht so ganz verstand. Ich antwortete auf die meisten Fragen mit einem Achselzucken und sie lachten, weil ich ihre Sprache noch nicht konnte. Als sie mich fragten, wie der Flug war sagte ich dass er gut war. Danach sagten wir nichts mehr und ich schaute raus auf die wunderschöne Landschaft von Kasachstan. Die einspurige Autobahn führte uns durch weite Steppenlandschaften, wo hier und da ein paar Häuser und Strommasten standen.

Steppe_Kasachstan

Die ganze Zeit musste der Fahrer im Zickzack fahren, da sein Auto kein Schlagloch vertrug. Das machte er aber bei Geschwindigkeiten von 100 km/h und somit war das ganze sehr übelerregend. Nach einiger Zeit kamen wir an einer Stelle, wo ungewöhnlich viele rabenähnliche Vögel waren. Als wir dort vorbei fuhren, klatschte uns plötzlich ein Vogel gegen die Windschutzscheibe. Ich habe mich sehr erschrocken, doch die anderen haben gelacht. Der Sohn machte sich danach erstmal eine Zigarette an, um sich zu beruhigen. Er rauchte auf der zweistündigen Fahrt bestimmt 7 Zigaretten.

Kurz nach dem Vogelvorfall erreichten wir in Rudnyy. Der Ort liegt zwischen Kostanai und Tobol, dem nächsten größeren Ort von Novo-Ilyinovka. Es war eine kleine Stadt mit bröckeligen Häusern und einer halb aufgerissenen Straße, sie hatte geschätzte 20.000 Einwohner. Danach fuhren wir über eine Brücke, die über den Fluß Tobol führt.

Ksachstan_Straße_Kostanai_Tobol

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Danach kamen wir über mehrer Bahnübergänge. Nach einer weiteren halben Stunde waren wir in Tobol. Die Stadt sah ähnlich aus wie Rudnyy nur deutlich kleiner. Von dort waren es nur noch 20 Minuten nach Novo-Ilynovka.

Zug_Tobol_Kasachstan

Kasachstan_Zug_Tobol

Wir fuhren auf einen Feldweg, der aus irgendwelchen Gründen auf ein Feld neben dem Weg führte. Nach einiger Zeit ging es nicht mehr weiter und wir mussten anhalten. Wir wollten wieder auf den Feldweg fahren, der allerdings erhöht auf einer alten Bahntrasse war. So musste er das Auto einen Weg hochfahren, der eine Schräge von 45° hatte. Es rumste und etwas schleifte am Bauch des Fahrzeugs. Als wir anhielten und der Fahrer nachsah, was passiert war bemerkte er, dass der Benzinschlauch gerissen oder aus dem Fahrzeug gezogen wurde. Aus dem Schlauch sprudelte ununterbrochen Benzin, und es roch sehr streng. Nataschas Sohn nahm eine Hebelbank und hob das Auto an, um sich drunter zu schieben und mit einem Schraubenzieher bewaffnet den Schlauch wieder in seinen Nutzungsbereich reinzustecken.

Nach weiteren 10 Minuten kam er mit einem skeptischen Gesicht hervor. Ich zitterte etwas. Zum einen um meine Sachen und zum anderen um meine Gesundheit, da es erst 7 Uhr war und wegen der untypischen Wetterbedingungen in dieser Zeit es erst 9° waren. Nachdem er ins Auto gestiegen war und den Motor anschmiss, um zu sehen ob jetzt auch alles funktioniert, nachdem er es provisorisch repariert hatte, fuhren wir weiter und kamen in Novo-Ilyinovka an. Wir fuhren durch einige Straßen und waren bald in der Straße meiner Gastfamilie.

Ich nahm mein Gepäck aus dem Auto und ging mit ihnen ins Haus. Vorher zeigten sie mir, dass ich meine Schuhe ausziehen sollte. Ich tat wie mir gehießen. Im Haus lag ein ungewohnter Geruch in der Luft. Ich ging ins Wohnzimmer und mir wurde gezeigt, dass ich hier meine Sachen ablegen sollte. Ich merkte, als ich mir meine Umgebung genauer ansah, dass nirgends in der Wohnung Türen existierten. Überall am Türramen hingen Fäden, an denen wie bei einer Kette kleine Discokugeln so groß wie Murmeln befestigt waren. Beim Vorbeigehen bemerkte ich, dass in einem der Zimmer zwei Personen schliefen. Nach wenige Minuten wachten sie auf und mir wurde gesagt, dass das Zimmer, in denen sie geschlafen hatten ab jetzt mir gehören würde und ich meine Sachen hinein bringen sollte. Als ich das gemacht hatte, setzte ich mich auf mein Bett und freute mich, endlich angekommen zu sein. Hier in Novo-Ilyinovka.

 

Klamotten

Mein_Koffer

Mein Koffer

Heute habe ich mich den Mühen des Packens hingegeben.

Es ist schwierig zu entscheiden, was man mitnimmt und was nicht, da 10 Wochen eine erhebliche Zeit ist.

Vorallem wegen der schwierigen Waschmöglichkeiten. Gewaschen wird auf dem Dorf nämlich mit ätzenden Waschmittel und einem halbautomatischen Waschgerät. Wenn man also Wäsche macht, muss man Wasser aus dem Brunnen holen und zum Kochen bringen.  Dann heißt es eifrig kurbeln.

Ich glaub, ganz so pingelig wie zu Hause darf man mit den Klamotten unterwegs nicht sein. (Zumal wenn die Eltern nicht dabei sind.)