Auf zur glücklichen Insel

Hier ist es in diesem Jahr oft noch recht frisch für die Jahreszeit. (Für mich nicht, aber wer im Sommer 40-50 Grad erwartet findet 25 zu kalt.) Deshalb freuen sich alle, wenn es bei 32 Grad Gelegenheit für eine Flusswanderung gibt. Der Fluss ist nur ein paar Minuten Fußweg entfernt. Dennoch haben die Kinder hier keine Lust zum Laufen.

In diesem Jahr hat der Fluss sehr wenig Wasser, weil Wasserknappheit ist und die Talsperre deshalb im Frühjahr nicht geöffnet wurde. Deshalb kann man jetzt durchwaten – was heißt kann, man muss, um ein schönes Uferplätzchen zu ergattern. Denn mitten im Fluss hat sich eine Insel mit Sandstrand gebildet. Das Ufer ist ansonsten ziemlich steil.

Es war die Eröffnung der Saison für die Familie. Zum ersten Mal waren alle gemeinsam am Fluss zum Schwimmen.

Natürlich habe ich mich gleich ins Vergnügen gestürzt. Der Boden war ganz schön steinig und voll mit Pflanzen, deshalb habe ich die Badeschuhe angelassen.

Obwohl wir gerade ein Festmahl hinter uns hatten, wurde gleich ein Feuer angemacht. Baden und Grillen und Essen gehören hier offenbar zusammen. Fische fangen auch.

Wir blieben, bis die Kühe heimwärts zogen – till the cows come home, in echt. Witzigerweise hatte der Schwager der Familie auf dem Hinweg seine Uhr im Fluss verloren – auf dem Rückweg haben wir sie wiedergefunden. Im Wasser. Sie funktionierte noch. Deutsche Qualität.

Kurz darauf goss es aus Kübeln. Aber nicht lange. Dann wurden wir mit einem Doppelregenbogen belohnt.

Ein Haus für den Sommer, eins für den Winter

Haus_Kasachstan

Auf dem Hof meiner Gasteltern gibt es zwei Häuser: ein Winterhaus und ein Sommerhaus. Im Sommerhaus gehen alle Verwandten ein und aus. Am Anfang hat mich das überrascht. Wenn man früh aufsteht, sitzen immer andere Menschen in der Küche. Jetzt habe ich mich daran gewöhnt. Ich kenne inzwischen ja auch fast alle. Auch die Enkelkinder von Natalia Iwanowna kennen mich jetzt schon besser und haben keine Angst mehr. Am Anfang haben sie sich gefürchtet, weil sie mich nicht verstehen, vor allem die Kleinen. Das ist jetzt besser.

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Im Winterhaus  wird eigentlich nur geschlafen und Fernsehen geguckt, wenn schlechtes Wetter ist. In den durchschnittlich -5°C bis -16°C kalten Wintermonaten kann es sogar  -40°C werden, in der Nacht noch mehr. Dann halten sich alle im Winterhaus auf und wärmen sich an den vielen Öfen.

Korridor_Winterhaus_Kasachstan

Wohnzimmer_Kasachstan

Es gibt zwei Zimmer (комната), dazu ein großes Wohnzimmer (гостиная) und ein kleines Badezimmer (ванная), was allerdings bloß aus einem Waschbecken besteht, in das man Wasser in ein Metallgefäß oberhalb des Waschbeckens hineinfüllt. Es gibt auch einen Nachttopf, der in der Nacht als Toilette fungiert da es nicht bequem ist über den halben Hof zu laufen anstatt einfach daheim zu gehen. Es gibt auch eine Küche (кухня), in der man aber nur Sachen auf den Herd stellen kann und kochen, wie zum Beispiel Tee. Es gibt auch in der Küche kein Wasser.

Sommerhaus_Kasachstan

Im Sommerhaus gibt es die Sommerküche. Hier hält man sich in den heißen Monaten auf (Juni, Juli, August, Temperaturen bis +50°C) und bereitet sich für den Winter vor. Man muss Obst und Gemüse einkochen und auch Fleisch. Im September schneit es manchmal schon wieder. In der Sommerküche gibt einen Herd, aber auch hier kein fließendes Wasser. Das muss im Brunnen geholt werden.

Brunnen_Dorf_Kasachstan

Ein seperates Haus, was an das Sommerhaus angrenzt ist die Banya (баня), das Badehaus. Dort wird sich gewaschen, Zähne geputzt und geschwitzt. Geschwitzt, weil die Banya wie eine Sauna funktioniert und nicht zu verwechseln ist mit einem Badezimmer (ванная). Sie wird fast jeden Tag angeheizt.

Banja_Kasachstan

Rechts gegenüber der Banya ist die Toilette (туалет), zu der ich lieber nichts schreibe, da sich die meisten sicherlich eine Toilette ohne Wasser gut vorstellen können.

Toilette_Hof_Kasachstan

Dort bei der Toilette beginnt auch die für mich geltene Zone des Todes. Es ist der Teil des Hofes, der mit Tieren besiedelt ist. Auf dem Hof wacht ein großer Hund mit  gefletschten Zähnen und einer nicht misszuverstehenden Bell-Artikulation seinerseits und versperrt mir somit die Möglichkeit, allein zu den Tieren zu kommen ohne zerfleischt zu werden. Ich war trotzdem schonmal da, weil sie die Hundehütte, an der er angekettet ist, mit einer Platte verdeckt hatten, auf die sie einen Baumstamm legten.

Stall_Kasachstan

Wie die Katzen hier klarkommen, weiß ich nicht. Vielleicht sind sie deshalb immer in der Sommerküche.

Katze_Kasachstan

Auf dem Hof gibt Hühner, Schweine (eine Mutter und zwei Ferkel), Enten und viele Küken. Alles zum Selbstessen. Kühe gibt es keine mehr, das lohnt sich nicht und macht zu viel Arbeit. Milch, Quark und Butter kauft Natalia Iwanowna bei einer Bäuerin in der Nachbarschaft.

Dorfstrasse_Kasachstan

Das Gemüse wird im Gemüsegarten (огород) angebaut, Obst und Blumen wachsen im Garten (сад). 

Gemüsegarten_Kasachstan

Garten_Dorf_Kasachstan