Auf zur glücklichen Insel

Hier ist es in diesem Jahr oft noch recht frisch für die Jahreszeit. (Für mich nicht, aber wer im Sommer 40-50 Grad erwartet findet 25 zu kalt.) Deshalb freuen sich alle, wenn es bei 32 Grad Gelegenheit für eine Flusswanderung gibt. Der Fluss ist nur ein paar Minuten Fußweg entfernt. Dennoch haben die Kinder hier keine Lust zum Laufen.

In diesem Jahr hat der Fluss sehr wenig Wasser, weil Wasserknappheit ist und die Talsperre deshalb im Frühjahr nicht geöffnet wurde. Deshalb kann man jetzt durchwaten – was heißt kann, man muss, um ein schönes Uferplätzchen zu ergattern. Denn mitten im Fluss hat sich eine Insel mit Sandstrand gebildet. Das Ufer ist ansonsten ziemlich steil.

Es war die Eröffnung der Saison für die Familie. Zum ersten Mal waren alle gemeinsam am Fluss zum Schwimmen.

Natürlich habe ich mich gleich ins Vergnügen gestürzt. Der Boden war ganz schön steinig und voll mit Pflanzen, deshalb habe ich die Badeschuhe angelassen.

Obwohl wir gerade ein Festmahl hinter uns hatten, wurde gleich ein Feuer angemacht. Baden und Grillen und Essen gehören hier offenbar zusammen. Fische fangen auch.

Wir blieben, bis die Kühe heimwärts zogen – till the cows come home, in echt. Witzigerweise hatte der Schwager der Familie auf dem Hinweg seine Uhr im Fluss verloren – auf dem Rückweg haben wir sie wiedergefunden. Im Wasser. Sie funktionierte noch. Deutsche Qualität.

Kurz darauf goss es aus Kübeln. Aber nicht lange. Dann wurden wir mit einem Doppelregenbogen belohnt.

Ein Tag als Hirtenjunge

Schafherde_Kasachstan

Ich bin stolz auf mich: Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben Schafe und Ziegen gehütet. Tanat, der Schwiegersohn von Natalia Iwanowna musste nämlich raus ins Feld. Eigentlich ist er Lehrer für Informatik und Geschichte. Aber wer essen will auf dem Dorf muss anpacken. Seine Familie teilt sich mit 15 anderen Familien die Hirtenarbeit auf. Es gibt auch professionelle Hirten aber die kosten zu viel. So nimmt jede Familie zwei Tage im Monat die gesamte Herde aus Schafen und Ziegen (ungefähr 100 Tiere) für den ganzen Tag. Auf diese Weise sparen sie Geld. (Was sie nicht haben.)

p1030647-e1498910026507.jpg

Ich frühstücke und treffe mich mit ihm 7.40 vor seinem Haus, wo schon etwa 30 Tiere warteten. Wir laufen los und sammeln an der nächsten Ecke weitere 40 Tiere ein und versuchen sie mit den anderen in eine Gruppe zu scheuchen. Ein paar hauen gleich in die Steppe ab. Bald sind alle Tiere von ihrem Weg abgekommen um sich am Gras zu erquicken.

Schafe_grasen_Kasachstan

Da Tanat gerade andere Tiere von ihren Besitzern abholt, muss ich das erste Mal in meinem Leben Schafe eintreiben. Ich scheuche sie zurück auf die Straße und so können wir weiterlaufen. Als wir die Straße aus der Stadt heraus nehmen um dann in die Steppe zu laufen, wo das saftige Gras ist, kommt eine Kuh uns zur Hilfe, die Herde in Schach zu halten. Als wir die Kuh nicht mehr brauchen, vertreiben wir sie.

Berliner_Hirte_Kasachstan

Wir treiben die Tiere in Richtung einer Straße, über die wir hinüber müssen. Als wir auf der anderen Seite sind mit der ganzen Herde, erstrecken sich vor uns die Weiten der Steppe. Weiter geht es durch das harte Steppengewächs, was durch den noch frühen Morgen noch ganz feucht war.

Nach einem 20 Minuten Marsch ruhen wir uns kurz aus. Denn die Tiere immer zusammenzuhalten, und das ohne Hund, ist ganz schön stressig. Jetzt wartete auf mich die eigentliche Überraschung: Tanat stellte mir das WLAN ein! (Echtes WLAN, denn ich habe keine kasachische Telefonkarte für mobile Daten.) Warum es in den Weiten der Steppe Internet gibt, bleibt sein Geheimnis. Aber es klappte.

Steppe Kasachstan

Die Herde lief währenddessen weiter und verschwand aus unserem Sichtfeld, so dass wir uns aufmachten, sie wieder in die richtige Richtung zu lenken. Endlich erreichen wir ein Feld, das eine natürliche Begrenzung bildet. Zeit für eine Rast. Auch das Pferd braucht eine Pause. Es ist klein wie ein Pony, aber ganz schön wild.

Reiter_KasachstanPferd_mit_Berliner_Kasachstan

Schließlich landet die Herde langsam aber sicher auf das Gebiet eines Feldes.

Mein_Tag_als_Hirtenjunge

Wir treiben sie wieder zurück und setzen uns eine Stunde um Pause zu machen.

Ziegenbock_KasachstanHerde_Steppe_Kasachstan

Gegen Mittag treiben wir die Herde in ein kleines Gehege. Dort bleiben sie, während wir zurück ins Dorf zum Essen gehen.

Stall_Schafe_Kasachstan

Nach drei Stunden marschieren wir wieder bis 7 Uhr abends durch die Steppe. Eigentlich wollen wir am Fluss entlang gehen, auch weil wir vorhaben, mal kurz hinein zu springen. Doch da haben wir die Rechnung ohne die Schafe gemacht. Also wieder über harte Grasbüschel und viele Erdhügel mitten hinein ins Steppenland.

Schafe_KasachstanSteppe_Kasachstan

Als wir wieder in der Stadt ankommen warten schon viele Leute am Straßenrand, die ihre Tiere wieder nach Hause bringen wollen. Um ihre Tiere auseinander zutreiben und von der Herde loszureißen, machen sie Geräusche, die das Mähen von den Schafen nachahmen sollen.

 

 

Blau wie der Himmel über Kasachstan

 

Haus2_Dorf_Kasachstan

Wo man hinschaut in Kasachstan leuchtet es hellblau: Die Flagge, Hausdächer, Türen. In der Flagge soll hellblau den Himmel über Kasachstan symbolisieren, der in der Tat ziemlich oft ziemlich blau ist. Der Himmel steht auch für die Freiheit des kasachischen Volkes und für den Himmelsgott Gök Tanri, der die Turkvölker verbindet.

Flagge Kasachstan

Doch die Beliebtheit der Farbe hat noch einen anderen Grund: Viele Leute hier glauben, dass Fliegen und Insekten allgemein hellblau nicht mögen. Deshalb werden Häuser oft hellblau angestrichen, zumindest zum Teil. Viele Türen sind hellblau, so auch auf dem Hof meiner Gastfamilie, zum Beispiel hier die Banja (Badehaus).

Banja_Anstrich_Kasachstan

Da der Winter hier sehr kalt ist, heißt es im Sommer Ärmel hoch. Natürlich musste ich auch mit anfassen.

Farbeimer_KasachstanAnstrich_Banja_Kasachstan

Am Ende erstrahlte das Badehaus innen und außen wie neu.

Banja_Anstrich_OfenBanja_Eingang_KasachstanBanja_innen_Kasachstan

Natürlich hellblau – wie der Himmel.

Haus_Dorf_Kasachstan

 

Im Sommer an den Winter denken

Katzen_Dorf

Faul den Sommer verschlafen können in Kasachstan nur die Katzen. Alle anderen müssen rechtzeitig an den Winter denken. Zum Beispiel Kräuter trocknen, Obst und Gemüse einwecken, Fleisch konservieren.

Kräuter_KasachstanPilze_eingeweicht_Kasachstan

Heute ging es ans Pilze einwecken. Die braucht man für viele Gerichte der russischen Küche. Da im Winter der Schnee meterhoch liegt, kann man nicht einfach in die Stadt fahren. Die Preise in den Läden im Dorf sind sehr hoch, denn auch sie müssen weit fahren. Natalia Iwanowna kauft dort nur wenige Sachen.

P1030435

Um die Gläser und Deckel zu sterilisieren, werden sie vorher gewaschen und gekocht.

Gläser_Einwecken_Kasachstan

Die Pilze werden gekocht und danach in Gläser gefüllt und mit einem Sud begossen.

Sud_PilzeSommerküche_Kasachstan

Anschließend stellt man die Gläser auf den Kopf. Das tötet die Bakterien im Deckel. Es entsteht ein Vakuum. So halten die Pilze mehrere Jahre.

Pilze_Sommerküche_Kasachstan

Zu den Fischen durch die Geisterstadt

Steppe

Am späten Mittag wurde mir verkündet, dass es heute nach langem Versprechen endlich zum Angeln geht. Wir fahren um 17 Uhr los und verlassen unser Dorf mit dem Auto.

Kühe_Steppe_KasachstanSteppe_Kasachstan

Es gibt viel zu sehen: Die schöne Natur zwischen Strommasten und Mülldeponien der einzelnen Dörfer. Ich sehe nur wenige Hügel, sonst ist die Steppe hier ganz flach. Man sieht die Hügel in der Ferne, keine Hindernisse verstellen unseren Weg. Nur primitive Strommasten und hier und da eine industrielle Eisenbahnstrecke, viele leerstehende Ställe am Straßenrand.

Ställe_Landschaft_Kostanai

Dieser Landstrich ist abgewirtschaftet. Es gibt nur noch wenige Ressourcen so scheint es. Ab und zu sehe ich schwere Maschinen, wie die in Brandenburg zur Zeiten der Braunkohleförderung. Die machen Eindruck, zugleich sehe ich sie stillstehen. Ich entdecke nur noch wenige. Man kann sich sicher sein, dass bald alle verschwunden sein werden.

Landschaft_Kasachstan_KostanaiLandschaft_Kasachstan_Strommasten

Die ersten Häuser sind verlassen, die ersten Siedlungen aufgegeben. Wir kommen an Dutzenden Ruinen vorbei, die vom Aufschwung und Abtrieb dieser Region zeugen. Es ist, als würde man durch eine endlose Geisterstadt fahren. Dazu kommt, dass die Straßen staubig sind, so dass es immer trostloser wirkt.

Ruinenstadt_KasachstanStraße_Kostanai

Nach einer Weile kommen wir an einem See mit schönem blauen kristallklarem Wasser vorbei. Wir fahren vorbei und ich frage mich, wohin wir denn wollen, wenn wir an dem See vorbei fahren. Nach weiteren Minuten Fahrt sind wir da. Es ist ein schöner See mit ein paar Bäumen an seinem Ufer. Er ist sehr eingesenkt an unsere Stelle, wo wir geparkt haben. Wir steigen aus.

Panorama_Angeln_Kasachstan

Die Männer meiner Gastfamilie gehen sehr gern angeln. Nicht nur, um den Fisch zu essen, sondern vor allem als Hobby. Sie zeigen mir, wie es geht. Denn ich habe überhaupt keine Ahnung, was ich machen muss.

Angelausflug_Kasachstan

Am Ende war mir das Anglerglück hold: Vier Fische zog ich an Land. Nicht schlecht für mein erstes Angelabenteuer.

Fisch_Fang_Kasachstan.jpg

Waschtag auf dem Dorf

Vor meiner Abreise habe ich mir einige Sorgen gemacht, wie das mit dem Wäschewaschen wird in Kasachstan. Deshalb habe ich am Anfang meine Sachen nur selten gewechselt. Dann hat mich meine Gastmutter aber geschimpft. Sie ist wie alle hier sehr auf Ordnung bedacht. Es wird laufend geputzt und gewienert. Und Wäsche gewaschen.

Wäsche_Waschen_Kasachstan

Dafür wird die Waschmaschine mit heißem Wasser befüllt. Dann legt die Maschine los. Das dreckige Wasser kommt über einen Schlauch wieder raus, da muss man dann einen Eimer hinstellen.

Waschmaschine_Kasachstan

Die Wäsche wird im Hof auf die Leine gehangen. Bei der Hitze ist das auch in wenigen Stunden alles trocken. Wenn es regnet kann natürlich nicht gewaschen werden. (Es hat hier schon einige Male den ganzen Tag sehr stark geregnet.)

Waschtag_Kasachstan

Das Wasser in der Badewanne ist Regenwasser. Damit wird der Gemüsegarten gegossen.

Ein Haus für den Sommer, eins für den Winter

Haus_Kasachstan

Auf dem Hof meiner Gasteltern gibt es zwei Häuser: ein Winterhaus und ein Sommerhaus. Im Sommerhaus gehen alle Verwandten ein und aus. Am Anfang hat mich das überrascht. Wenn man früh aufsteht, sitzen immer andere Menschen in der Küche. Jetzt habe ich mich daran gewöhnt. Ich kenne inzwischen ja auch fast alle. Auch die Enkelkinder von Natalia Iwanowna kennen mich jetzt schon besser und haben keine Angst mehr. Am Anfang haben sie sich gefürchtet, weil sie mich nicht verstehen, vor allem die Kleinen. Das ist jetzt besser.

p1030142.jpg

Im Winterhaus  wird eigentlich nur geschlafen und Fernsehen geguckt, wenn schlechtes Wetter ist. In den durchschnittlich -5°C bis -16°C kalten Wintermonaten kann es sogar  -40°C werden, in der Nacht noch mehr. Dann halten sich alle im Winterhaus auf und wärmen sich an den vielen Öfen.

Korridor_Winterhaus_Kasachstan

Wohnzimmer_Kasachstan

Es gibt zwei Zimmer (комната), dazu ein großes Wohnzimmer (гостиная) und ein kleines Badezimmer (ванная), was allerdings bloß aus einem Waschbecken besteht, in das man Wasser in ein Metallgefäß oberhalb des Waschbeckens hineinfüllt. Es gibt auch einen Nachttopf, der in der Nacht als Toilette fungiert da es nicht bequem ist über den halben Hof zu laufen anstatt einfach daheim zu gehen. Es gibt auch eine Küche (кухня), in der man aber nur Sachen auf den Herd stellen kann und kochen, wie zum Beispiel Tee. Es gibt auch in der Küche kein Wasser.

Sommerhaus_Kasachstan

Im Sommerhaus gibt es die Sommerküche. Hier hält man sich in den heißen Monaten auf (Juni, Juli, August, Temperaturen bis +50°C) und bereitet sich für den Winter vor. Man muss Obst und Gemüse einkochen und auch Fleisch. Im September schneit es manchmal schon wieder. In der Sommerküche gibt einen Herd, aber auch hier kein fließendes Wasser. Das muss im Brunnen geholt werden.

Brunnen_Dorf_Kasachstan

Ein seperates Haus, was an das Sommerhaus angrenzt ist die Banya (баня), das Badehaus. Dort wird sich gewaschen, Zähne geputzt und geschwitzt. Geschwitzt, weil die Banya wie eine Sauna funktioniert und nicht zu verwechseln ist mit einem Badezimmer (ванная). Sie wird fast jeden Tag angeheizt.

Banja_Kasachstan

Rechts gegenüber der Banya ist die Toilette (туалет), zu der ich lieber nichts schreibe, da sich die meisten sicherlich eine Toilette ohne Wasser gut vorstellen können.

Toilette_Hof_Kasachstan

Dort bei der Toilette beginnt auch die für mich geltene Zone des Todes. Es ist der Teil des Hofes, der mit Tieren besiedelt ist. Auf dem Hof wacht ein großer Hund mit  gefletschten Zähnen und einer nicht misszuverstehenden Bell-Artikulation seinerseits und versperrt mir somit die Möglichkeit, allein zu den Tieren zu kommen ohne zerfleischt zu werden. Ich war trotzdem schonmal da, weil sie die Hundehütte, an der er angekettet ist, mit einer Platte verdeckt hatten, auf die sie einen Baumstamm legten.

Stall_Kasachstan

Wie die Katzen hier klarkommen, weiß ich nicht. Vielleicht sind sie deshalb immer in der Sommerküche.

Katze_Kasachstan

Auf dem Hof gibt Hühner, Schweine (eine Mutter und zwei Ferkel), Enten und viele Küken. Alles zum Selbstessen. Kühe gibt es keine mehr, das lohnt sich nicht und macht zu viel Arbeit. Milch, Quark und Butter kauft Natalia Iwanowna bei einer Bäuerin in der Nachbarschaft.

Dorfstrasse_Kasachstan

Das Gemüse wird im Gemüsegarten (огород) angebaut, Obst und Blumen wachsen im Garten (сад). 

Gemüsegarten_Kasachstan

Garten_Dorf_Kasachstan

Die „Shopping-Mall“

Laden_Kristall

Dieser Laden heißt „Kristall“. Wir wollen Brot kaufen und Eis. Viele Sachen macht Natalia Iwanowna selbst, sogar Teigwaren. Aber Brot kauft sie im Laden. Für größere Einkäufe fährt sie mit Verwandten in die nächste Stadt. Ohne Auto geht das nicht. Es gibt keinen Bus. Deshalb verkauft der Laden die wichtigsten Sachen: Wodka, Kochtöpfe, Seife, Tütensuppen, Eier.

Getränke_Laden_KasachstanP1030147

Es gibt eine eigene Vitrine für Kinderbedarf: Schulrucksäcke, Basecaps, Turnschuhe, Kuscheltiere.

Vitrine_Laden_Kasachstan

Sogar eine Gefriertruhe mit Fleisch und Pelmeni gibt es.

Gefriertruhe_Laden_Kasachstan

Auf nach Novo-Ilyinovka (2): Mit dem Klapperross ins Feld

Sonnenaufgang_Kasachstan

Als der Flieger landet, bin ich verwirrt. Hatten wir eine Notlandung auf einem Feld? Wo ist der Flughafen, wo ist der Steg der sich immer ans Flugzeug andockt? Ich seh ein paar Lichter, dann ein paar Häuser. Häuser, aber keine Flugzeuggebäude. Dann seh ich eine Flugzeugtreppe. Sie fährt an das Flugzeug heran. Alle springen auf und warten ungeduldig, dass sie aussteigen können. Zuerst kommt eine Ansage auf Kasachisch, die erstmal mehrere Male wiederholt wird, bis sie weiter auf Russisch umspringt. Endlich gibt es die Infos auch für mich verständlich auf Englisch. Der Bus hatte Verspätung, deshalb sollten wir noch ein wenig Geduld haben. Im Nachhinein war das eine lustige Aussage, da das Gebäude, welches den Flugzeughafen darstellte, kaum weiter weg war als 50 Meter. Ohnehin war unser Flugzeug das einzige auf dem ganzen Flughafen.

Holzgebaeude_Kasachstan

Endlich kam der Bus und wir konnten alle aussteigen.  Er fuhr die schon erwähnten 50 Meter und alle stiegen aus, um sich in den winzigen Transitbereich zu quetschen. Jeder Einreisende muss einen Zettel ausfüllen,  auf dem er alles angibt was er von ausserhlb mitgebracht hat. Man muss auch Namen, Adresse, ob man eine Krankenkarte hat und vieles mehr angeben. Den ausgefüllten Zettel muss man mit seinem Pass an der Passkontrolle vorzeigen. Ich brauchte das nicht, da ich noch unter 16 Jahre alt bin.

Als ich dran war, dauerte es länger, da ich ja alleine in das Land einreiste. Ich gab dem Grenzpolizisten die Erlaubnis von meiner Mutter, dass ich alleine einreisen und mit Leuten, die mich von Ort zu Ort bringen, mitfahren darf. Es dauerte eine Viertelstunde,, bis ich durch die Kontrolle gelassen wurde. Ich schwitzte Blut und Wasser. Ich dachte schon die lassen mich wohl nie durch. Gottseidank konnte ich die Kontrolle passieren, nachdem sich fast alle Grenzpolizisten meiner angenommen hatten.

Auf der anderen Seite stand schon mein Koffer bereit. Ich war erstaunt, wie klein dieser Flughafen doch war. Als ich dem Ausgang entgegen kam, stand in der ersten Reihe Natalia Ivanovna. Sie ist eine kleine rundliche Frau, die sehr viel Herzlichkeit ausstrahlt. Neben ihr stand ein Mann um die 45, der, wie es sich herausstellte ihr Sohn war.  Er nahm mir meinen Koffer ab und wir gingen zum Auto des Sohnes. Natalia (genannt auch Natascha) und ich wechselten ein paar Worte, die ich allerdings nicht verstanden habe. Das machte aber nichts, ich war ohnehin zu müde.

Autofahrt_Kasachstan_2

Das Auto war schon sehr abgenutzt und  bestimmt war nichts an ihm mehr ein Original. Es hatte einen starken Tiefgang. Besonders jetzt, nachdem mein 25 Kilo Koffer mit meinem 15 Kilo Rucksack in ihm lagen. Wir fuhren los und sie fragten mich einige Sachen, die ich nicht so ganz verstand. Ich antwortete auf die meisten Fragen mit einem Achselzucken und sie lachten, weil ich ihre Sprache noch nicht konnte. Als sie mich fragten, wie der Flug war sagte ich dass er gut war. Danach sagten wir nichts mehr und ich schaute raus auf die wunderschöne Landschaft von Kasachstan. Die einspurige Autobahn führte uns durch weite Steppenlandschaften, wo hier und da ein paar Häuser und Strommasten standen.

Steppe_Kasachstan

Die ganze Zeit musste der Fahrer im Zickzack fahren, da sein Auto kein Schlagloch vertrug. Das machte er aber bei Geschwindigkeiten von 100 km/h und somit war das ganze sehr übelerregend. Nach einiger Zeit kamen wir an einer Stelle, wo ungewöhnlich viele rabenähnliche Vögel waren. Als wir dort vorbei fuhren, klatschte uns plötzlich ein Vogel gegen die Windschutzscheibe. Ich habe mich sehr erschrocken, doch die anderen haben gelacht. Der Sohn machte sich danach erstmal eine Zigarette an, um sich zu beruhigen. Er rauchte auf der zweistündigen Fahrt bestimmt 7 Zigaretten.

Kurz nach dem Vogelvorfall erreichten wir in Rudnyy. Der Ort liegt zwischen Kostanai und Tobol, dem nächsten größeren Ort von Novo-Ilyinovka. Es war eine kleine Stadt mit bröckeligen Häusern und einer halb aufgerissenen Straße, sie hatte geschätzte 20.000 Einwohner. Danach fuhren wir über eine Brücke, die über den Fluß Tobol führt.

Ksachstan_Straße_Kostanai_Tobol

P1030060.JPG

Danach kamen wir über mehrer Bahnübergänge. Nach einer weiteren halben Stunde waren wir in Tobol. Die Stadt sah ähnlich aus wie Rudnyy nur deutlich kleiner. Von dort waren es nur noch 20 Minuten nach Novo-Ilynovka.

Zug_Tobol_Kasachstan

Kasachstan_Zug_Tobol

Wir fuhren auf einen Feldweg, der aus irgendwelchen Gründen auf ein Feld neben dem Weg führte. Nach einiger Zeit ging es nicht mehr weiter und wir mussten anhalten. Wir wollten wieder auf den Feldweg fahren, der allerdings erhöht auf einer alten Bahntrasse war. So musste er das Auto einen Weg hochfahren, der eine Schräge von 45° hatte. Es rumste und etwas schleifte am Bauch des Fahrzeugs. Als wir anhielten und der Fahrer nachsah, was passiert war bemerkte er, dass der Benzinschlauch gerissen oder aus dem Fahrzeug gezogen wurde. Aus dem Schlauch sprudelte ununterbrochen Benzin, und es roch sehr streng. Nataschas Sohn nahm eine Hebelbank und hob das Auto an, um sich drunter zu schieben und mit einem Schraubenzieher bewaffnet den Schlauch wieder in seinen Nutzungsbereich reinzustecken.

Nach weiteren 10 Minuten kam er mit einem skeptischen Gesicht hervor. Ich zitterte etwas. Zum einen um meine Sachen und zum anderen um meine Gesundheit, da es erst 7 Uhr war und wegen der untypischen Wetterbedingungen in dieser Zeit es erst 9° waren. Nachdem er ins Auto gestiegen war und den Motor anschmiss, um zu sehen ob jetzt auch alles funktioniert, nachdem er es provisorisch repariert hatte, fuhren wir weiter und kamen in Novo-Ilyinovka an. Wir fuhren durch einige Straßen und waren bald in der Straße meiner Gastfamilie.

Ich nahm mein Gepäck aus dem Auto und ging mit ihnen ins Haus. Vorher zeigten sie mir, dass ich meine Schuhe ausziehen sollte. Ich tat wie mir gehießen. Im Haus lag ein ungewohnter Geruch in der Luft. Ich ging ins Wohnzimmer und mir wurde gezeigt, dass ich hier meine Sachen ablegen sollte. Ich merkte, als ich mir meine Umgebung genauer ansah, dass nirgends in der Wohnung Türen existierten. Überall am Türramen hingen Fäden, an denen wie bei einer Kette kleine Discokugeln so groß wie Murmeln befestigt waren. Beim Vorbeigehen bemerkte ich, dass in einem der Zimmer zwei Personen schliefen. Nach wenige Minuten wachten sie auf und mir wurde gesagt, dass das Zimmer, in denen sie geschlafen hatten ab jetzt mir gehören würde und ich meine Sachen hinein bringen sollte. Als ich das gemacht hatte, setzte ich mich auf mein Bett und freute mich, endlich angekommen zu sein. Hier in Novo-Ilyinovka.

 

Auf nach Novo-Ilyinovka (1): Mit dem Adler gen Sonne

Heute sollte es soweit sein. Auf nach Kasachstan. Zum Abschied fahre ich mit meinem Patenonkel und meiner Oma in den schönen Charlottenburger Schlosspark.

Wir schauen uns zusammen das Mausoleum an. Danach Kaffee trinken. Meine Oma ist so aufgeregt dass sie es nicht ertragen kann mich zu verabschieden und wandert mir davon. Als auch ich von meinen Verwandten und meinem geliebten Berlin Abschied genommen hatte, geht es zum Flughafen Hannover. Dort fliegt Air Astana und der einzige Direktflug von Deutschland nach Kostanai. (Aber nur im Sommer.)

Mit dem Auto kommen wir relativ gut und ohne Zwischenstopps durch und sind auch schon bald am Flughafen. Er ist kleiner als erwartet. Obwohl ich das schwer beurteilen kann, da ich in meinem Leben immer nur von Großstadtflughäfen geflogen bin.

Wir laufen zu meinem Check-in, wo schon gefühlt 500 kasachische Mitbürger mit deutschen Pässen wedelnd ihren Sitzplatz verlangen.

Ich seh jetzt schon was auf mich zukommen wird. Jegliche Umterhaltung wird auf Russisch geführt. Ich verstehe wenn ich Glück hab einig Wörter mit deren Hilfe ich mir einen Sinn zusammenreime.

Als ich dort stehe kommt eine Frau auf mich zu und fragt ob ich der Junge bin, der nach Kasachstan fahren will. Ich gucke sie verwirrt an. Will hier nicht jeder nach Kasachstan? Doch dann fragt sie weiter, ob ich der von Novo-Ilyinovka und Natalia Ivanovna bin. Jetzt fällt es mir wie von Schuppen von den Augen. Natalia Ivanovna ist die Frau bei der ich wohnen werde. Und zugleich meine zukünftige Lehrerin!

Meine Mutter und sie hatten oft lange Telefongespräche. Da Natalia früher einmal stellvertretende Direktorin der Schule von Novo-Ilyinovka war, hat sie Kontakt zu vielen ihrer Schüler, die im Ausland leben. So erfuhr sie, dass ein Ehepaar aus Düsseldorf, welches bei Natalia in der Schule war, mit ihrer Tochter und zwei Enkelkindern ebenfalls den Direktflug von Hannover nach Kostanai nehmen. So sagte sie ihnen, dass sie mir auf meiner Fahrt helfen sollten.

Ich stand nun am Check-in mit meinem Koffer und meinem Rucksack, die zusammen bestimmt eine Tonne wiegen. Zusammen mit der Familie wartete ich darauf unser Gepäck abzugeben. Wir fingen ein paar nette Gespräche an und wurden uns sympathisch.

IMG_20170612_072859.jpg

Nach langem Warten wurde unser Gepäck endlich von einer schlecht gelaunten Frau entgegengenommen. Danach ging ich mit meinem Patenonkel noch etwas essen. An der Passkontrolle verabschiedete ich mich schließlich von ihm und trat meine lange Reise an.

Im Flugzeug versuchte ich mich mit Englisch und wildem Gestikulieren zu verständigen was allerdings meist auf anderer Seite scheiterte. Alles im Flugzeug war dreisprachig. Es stand dort auf Kasachisch, auf Russisch und auf Englisch.

Air_Astana

Der Adler hebt ab. Ich fühle mich erleichtert. Wir fliegen dem Sonnenuntergang entgegen. Bald bin ich in Kasachstan.